Zum Tode von Reinhard Mohn

Die Medienwelt, Ostwestfalen und Gütersloh trauern mit der Familie um "Mister Bertelsmann"

04.10.09

Gütersloh / Marbach am Neckar - Reinhard Mohn starn gestern, wie sein Unternehmen Bertelsmann heute bekannt gab. Er hatte in fünfter Familieneigentümer-Generation mit seiner Ehefrau Liz aus dem Geschäft seines Ur-Ur-Großvaters Europas größten Medienkonzern geschmiedet und mit der auf seine Initiative gegründeten Bertelsmann Stiftung viel Gutes in Wissenschaft, Forschung und Sozialem bewirkt.

Bertelsmann druckt, besitzt Buch- und Zeitschriftenverlage, vertreibt Bücher über seine Buchclubs, ist im Musikgeschäft tätig, bietet zahlreiche andere Dienstleistungen an und ist unter anderem an der RTL-Mediengruppe beteiligt. Über 100.000 Mitarbeiter in über 50 Ländern arbeiten für den Konzern. Bis zuletzt begleitete Reinhard Mohn eng die Entwicklung der Bertelsmann AG, als Mitglied der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG) und als Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats. Bei der von ihm gegründeten Bertelsmann Stiftung gehörte er bis zu seinem Tode dem Kuratorium an.

Der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann AG, Hartmut Ostrowski, erklärte: „Bertelsmann ist in tiefer Trauer um einen der größten Unternehmer unserer Zeit. Unser ganzes Mitgefühl gehört der Familie Reinhard Mohns, vor allem seiner Ehefrau Liz und seinen Kindern. Wir, das Haus Bertelsmann, unser Land, aber auch unsere Freunde in Europa und Übersee haben eine überragende Unternehmer- und Stifterpersönlichkeit verloren. Reinhard Mohn hat deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Wie kein anderer verkörpert er, was Bertelsmann ist: ein weltoffenes und den Mitarbeitern verpflichtetes Unternehmen. Er hat gesellschaftliche Verantwortung übernommen. Und er hat mit beeindruckender Konsequenz systematisch neue Ideen entwickelt und vorangetrieben. Reinhard Mohns Führungsverständnis basierte auf Werten wie Freiheit und Menschlichkeit. Wir verneigen uns mit größtem Respekt vor seinem Lebenswerk. Bertelsmann und die partnerschaftliche Kultur im Sinne des Verstorbenen zu bewahren und weiterzuentwickeln, ist unser Auftrag und unser Ausdruck des Dankes.“

Reinhard Mohn wurde am 29. Juni 1921 in Gütersloh geboren. Nach Kriegsgefangenschaft und Beginn seiner Buchhändlerlehre übernahm er 1947 die Leitung des familieneigenen Druck- und Verlagshauses (C. Bertelsmann Verlag). Er expandierte über das Vertriebs- und Verlagsgeschäft hinaus rasch in weitere Geschäftsfelder und Märkte.

Dabei bediente er sich auch unkonventioneller Ideen: Reinhard Mohn schuf eine der weltweit größten Buch- und Vertriebsorganisationen, indem er Bücher per Vertreter und Katalog zu den Menschen nach Hause brachte. Später kamen beispielsweise Industrie- und Dienstleistungsbetriebe, das Zeitschriftengeschäft und schließlich das Fernsehen hinzu. Bereits in den frühen 60er Jahren leitete er mit der Gründung des Buchclubs in Spanien die Expansion in Auslandsmärkte ein. Reinhard Mohn prägte und entwickelte die bis heute bestehende Unternehmenskultur, die auf den Grundwerten Partnerschaft, Kreativität, Unternehmergeist und gesellschaftliche Verantwortung beruht. Die einzelnen Firmen und Bereiche erhielten größtmögliche unternehmerische Freiheit, die Mitarbeiter wurden schon früh in Entscheidungsprozesse eingebunden und am wirtschaftlichen Erfolg beteiligt. Publizistisch verankerte Reinhard Mohn bei Bertelsmann das Prinzip des Pluralismus.

Im Jahr 1971 wandelte er das Familienunternehmen in eine Aktiengesellschaft um, deren Vorstandsvorsitzender er wurde. Er schuf damit die strukturellen Voraussetzungen für weiteres Wachstum und den Aufstieg von Bertelsmann in die Weltliga der Medienkonzerne. 1977 gründete er die Bertelsmann Stiftung. 1981 schied Reinhard Mohn mit seinem 60. Geburtstag aus dem Bertelsmann-Vorstand aus. Zehn Jahre später, 1991, legte er dann das Mandat als Aufsichtsratsvorsitzender nieder. Die Mehrheit des Aktienkapitals der Bertelsmann AG ließ er 1993 auf die Bertelsmann Stiftung übertragen, die heute mit 76,9 Prozent größter Aktionär des Medienunternehmens ist. Die Stimmrechte in der Hauptversammlung der Bertelsmann AG ordnete er 1999 der neu gegründeten Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG) zu. Mit der Trennung von Kapital und Stimme traf Reinhard Mohn frühzeitig Vorkehrung für die Kontinuität und Unabhängigkeit des Unternehmens Bertelsmann.

In Anerkennung seiner herausragenden Leistungen als Unternehmer und Stifter hat Reinhard Mohn zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen erhalten, darunter den Bundesverdienstorden mit Stern der Bundesrepublik Deutschland, die Ehrenmitgliedschaft im Club of Rome, das Spanische Großkreuz und den Prinz-von-Asturien-Preis. Zudem erhielt Mohn den Europäischen Stifterpreis, den Schumpeter-Preis und den Hans-Martin-Schleyer-Preis. Noch im Jahr 2007 erhielt er den deutschen Gründerpreis für sein Lebenswerk.

„In diesen Stunden der Trauer hält Gütersloh den Atem an“
Als die Nachricht vom Tod Reinhard Mohns am Sonntagmorgen öffentlich wurde, gedachten die Festgäste der Eröffnung der Europäischen Kulturwoche auf Initiative von Bürgermeisterin Maria Unger spontan in einer Gedenkminute dem großne Unternehmer und Ehrenbürger der Stadt. Maria Unger wird sich in einem Brief persönlich an die Familie Mohn wenden. Im unten stehenden Nachruf würdigt sie die Leistungen Mohns für seine Heimatstadt, in der er 1921 geboren wurde. Die Gütersloher Bürgerinnen und Bürger haben ab Montagnachmittag die Gelegenheit, ihre Trauer durch einen Eintrag ins Kondolenzbuch zum Ausdruck zu bringen, das im Foyer des Rathauses ausliegt.

Maria Unger zum Tode Reinhard Mohns
„Reinhard Mohn war weltweit eine der größten und wichtigsten Unternehmerpersönlichkeiten der letzten 50 Jahre, doch er blieb auch seinen Wurzeln verbunden. In diesen Stunden der Trauer hält Gütersloh den Atem an und denkt an einen Menschen, der nicht nur als ein großer Unternehmer und Arbeitgeber diese Stadt prägte. In vielfältiger Weise hat Reinhard Mohn die besondere Verbundenheit mit seiner Heimatstadt gezeigt, in der er aufwuchs und in die er nach Krieg und Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, um in schwierigster Zeit das Erbe seines Vaters zu übernehmen. Nicht nur in Bezug auf Unternehmenskultur, Mitarbeiterbeteiligung und unternehmerische Ideen war Reinhard Mohn ein Visionär – er lebte seine Visionen in gleichem Maße für seine Stadt. Wie in der Wirtschaft wurden seine Projekte oft auch hier Vorbilder.

Bereits 1981 verlieh die Stadt Gütersloh Reinhard Mohn die Ehrenbürgerwürde. Diese Auszeichnung hat er auch in den nächsten Jahrzehnten immer als besondere Verantwortung begriffen: Die Projekte, die in der Begründung für die damalige Ratsentscheidung neben vielen anderen genannt werden, hat er in den folgenden Jahrzehnten ausgebaut und zum Erfolg geführt – neben der kurz zuvor in Gütersloh gegründeten Bertelsmann Stiftung etwa die Stadtbibliothek, die schnell zum Vorbild für weltweit ähnliche Projekte wurde oder die Mediothek „seiner Schule“, des Ev. Stiftischen Gymnasiums Gütersloh, mit deren Bau er im Grunde den Einstieg der Schulen in ein elektronisches Zeitalter begründete.

Typisch für Reinhard Mohn, den „stillen Mann aus Gütersloh“ wie ihn ein früheres Fernsehporträt einmal nannte, war dabei das partnerschaftliche Zusammenwirken mit anderen Menschen, Gruppen und Institutionen. Nicht als Person wollte er im Vordergrund stehen, sondern als jemand, der Denkanstöße gab, der half, sie konsequent umzusetzen, den aber nichts mehr befriedigte als zu sehen, wie sie in kürzester Zeit selbständig und aus eigener Kraft Erfolge einfuhren. Das gilt für die Stadt Stiftung Gütersloh, die er 1996 als erste Bürgerstiftung ihrer Art in Deutschland gründete, das gilt für zahlreiche Unternehmungen, die für Gütersloh als Projekte der Bertelsmann Stiftung entstanden, so z.B. das Laptop-Projekt am Ev. Stiftischen Gymnasium oder die Modernisierung der öffentlichen Verwaltung. Impulse zu geben, war sein Beweggrund, den Bau eines neuen Theaters für Gütersloh maßgeblich zu unterstützen.

In seinen Büchern, in Interviews und in vielen persönlichen Gesprächen hat Reinhard Mohn den Ausgangspunkt seines Denken und Handelns beschrieben: Partnerschaft, Kreativität und gesellschaftliche Verantwortung. Diese klare Haltung hat er nicht nur gefördert und eingefordert, sondern auch selbst gelebt. Damit hat Reinhard Mohn Gütersloh zum Wirtschaftsstandort mit Weltgeltung gemacht, den positiven Ruf der Stadt weit über ihre Grenzen hinaus getragen, aber auch den Standort Gütersloh immer wieder als zentralen Ausgangspunkt hervorgehoben.

Wir, die Bürger und Bürgerinnen der Stadt, haben Reinhard Mohn unendlich viel zu verdanken. Wir fühlen mit seiner Frau, seinen Kindern und ihren Familien. Wir werden seine Impulse für Gütersloh immer als Vorbild und Verantwortung begreifen.“

Mehr Informationen unter www.bertelsmann.de und www.guetersloh.de








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