Was kann helfen wenn Lesen- und Schreibenlernen zum Frust wird?
Wenn Kinder besondere Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und des Schreibens haben – Ist das dann Legasthenie?
08.01.08
Darmstadt/Marbach am Neckar - Wir haben seit dem vorletzten Jahr immer wieder Themen rund um Lernschwächen aufgegriffen und seit einigen Monaten mit Martina Weigelt eine kompetente Autorin und Beraterin aus diesem Umfeld. Heute hat sie sich in ihrem dritten Beitrag für Familienklick.de dem Thema Legasthenie und wie man diese Lese- und Schreibschwäche erkennen kann, angenommen.
Für Anita ging mit ihrer Einschulung ein langersehnter Wunsch in Erfüllung. Endlich durfte sie lesen, schreiben und rechnen lernen wie ihr großer Bruder. Doch dann kam die bittere Enttäuschung – zumindest in Deutsch. Während die anderen Kinder sich ohne allzu große Anstrengung Buchstaben und die dazugehörigen Laute einprägen konnten, gelang ihr dies nur unter großen Mühen. Das Schreiben an sich fiel ihr nicht schwer. Sie hatte von Anfang an eine gestochen schöne Schrift, aber die Tatsache, dass es ihr einfach nicht gelang, ebenso wenige Fehler wie ihre Mitschüler zu machen und dass sie nur sehr langsam und mühevoll lernte Buchstaben zu Worten zusammenzulauten, ließ ihren Mut täglich ein wenig mehr schwinden.
Anita steht hier beispielhaft für ca. 6% aller deutschen Schulanfänger. Wenn Kinder länger andauernde und starke Schwierigkeiten haben, das Lesen und Schreiben zu erlernen, werden sie häufig für dumm oder gar faul gehalten. An Anitas Beispiel kann man erkennen, dass Legasthenie nichts mit Dummheit oder Faulheit zu tun hat. Welches Kind freut sich denn nicht darauf, endlich all die Sachen zu lernen, die die Großen können? Und welches Grundschulkind ist denn nicht bereit und motiviert zu lernen? Leider ist der Prozess des Schriftspracherwerbs jedoch für Legastheniker mit so unsäglichen Mühen verbunden, dass man leicht nachvollziehen kann, warum diese Kinder bald kaum noch Freude am Deutschunterricht haben oder gar jedwede Lust an der Schule überhaupt verlieren.
Das Lesen und Schreiben sind genau wie das Rechnen oder gar die Fähigkeit sich fehlerfrei zu artikulieren wichtige Voraussetzungen für die emotionale und soziale – insbesondere die berufliche – Entwicklung eines Menschen. Wenn aber ein Mensch über eine gute allgemeine Intelligenz verfügt, wie das bei Menschen mit Legasthenie per Definitionem der Fall ist, trotzdem aber aufgrund seiner Schwäche nicht sein volles Potential entfalten kann, führt dies häufig zu psychischen Belastungen.
Woher aber kommt Legasthenie? Der Legasthenie haftet auch heute noch häufig etwas Mysthisches an, dabei ist es im Grunde recht simpel. Legastheniker haben ein angeborenes , neuropsychologisch nachweisbares Defizit im Bereich der zentralnervösen Sprachverarbeitung. Dieses Defizit führt dazu, dass es Betroffenen schwerer fällt, den Lautstrom der gesprochenen Sprache in seine Einzelbestandteile aufzuschlüsseln oder auch ähnlich klingende Laute zu unterscheiden. Das liegt aber nicht etwas daran, dass sie schlecht hören, sondern daran dass ihnen eine bestimmte Vorläuferfertigkeit fehlt, diese nennt man „phonologische Bewusstheit“. Man könnte somit vereinfacht sagen, dass ihnen nicht bewusst ist, dass d und t oder sch und ch unterschiedliche Laute sind, obwohl für sie der Unterschied durchaus hörbar wäre. Schon Kindergartenkinder, die im Verlauf ihrer späteren Schullaufbahn eine Lese-Rechtschreibstörung erkennen lassen, zeigen Schwächen in bestimmten phonologischen Fertigkeiten, wie zum Beispiel dem Silbenklatschen oder beim Erkennen von Reimen. Programme, die diese Fertigkeiten trainieren, können das spätere Auftreten einer Legasthenie stark abschwächen. Dies belegt eine große Studie, die Ende der Neunziger in Würzburger Kindergärten durchgeführt wurde. Und mittlerweile konnte auch anhand der sich ständig verbessernden bildgebenden Verfahren in der Neurologie gezeigt werden, welche Bereiche des menschlichen Gehirns für den Schriftspracherwerb wichtige Aufgaben übernehmen und dass diese bei legasthenen Menschen weniger gut arbeiten als bei Menschen, die keine Lese-Rechtschreibschwierigkeiten haben. In den letzten beiden Jahrzehnten fanden Forscher außerdem heraus, dass Legasthenie nicht ursächlich mit Aufmerksamkeitsschwierigkeiten oder Störungen des Sehens oder der Motorik in Verbindung steht, obgleich manche - besonders geplagte - Kinder, zusätzlich zu einer Legasthenie durchaus auch an anderen solcher Entwicklungsstörungen leiden können. Dies nennt man dann Komorbidität. Bei der Legasthenie an sich handelt es sich aber im Grunde nur um das oben beschriebene Phänomen.
Diese Erkenntnisse sollten jedoch nicht unweigerlich zu der Schlussfolgerung führen, dass es sich bei Legasthenie um ein angeborenes, unüberwindliches „Schicksal“ handelt. Denn wie schon die Würzburger Studie haben in den vergangenen Jahren auch zahlreiche andere Studien gezeigt, dass es durchaus Möglichkeiten gibt, Legasthenikern effizient zu helfen.
Allerdings boomen Therapie- und Förderangebote für Kinder mit Legasthenie im Augenblick mehr denn je. Betroffene Eltern, die eine geeignete Therapeutin/einen geeigneten Therapeuten oder Förderprogramme für ihr Kind suchen, steht eine schier unüberschaubare Auswahl an Förderangeboten zur Verfügung. TherapeutInnen mit den unterschiedlichsten Kenntnissen, Anschauungen und theoretischen Konzepten bieten eine Vielfalt an Therapiemethoden an und die Zahl der auf dem Markt befindlichen Übungsmaterialien für Kinder mit besonderen Schwierigkeiten ist geradezu überwältigend. Nicht selten führt Fehlinformation und die daraus resultierende Wahl einer ungeeigneten Methode zu einer Verschleppung der Lese-Rechtschreibschwierigkeiten, welche den Eindruck entstehen lässt, Legasthenie sei nicht behandelbar. Hinzu kommt: je länger die Probleme bestehen, desto schwieriger ist es im Verlauf noch Abhilfe zu schaffen.
Auf welche Auswahl- und Qualitätskriterien Eltern und Bettroffene bei der Suche eines geeigneten Trainingsprogrammes oder Therapeuten achten sollten und wie man Sinnvolles von Sinnlosem unterscheiden kann, erfahren sie in meinem nächsten Artikel zum Thema „Fördermöglichkeiten bei Legasthenie“ auf Familienklick.de.
Die beiden vorherigen Beiträge von Martina Weigelt hier auf Familienklick.de finden sie mit den folgenden beiden Links:
Rechenschwäche und
Wie den Teufelskreis durchbrechen und die richtige Therapeutenauswahl. Mehr zur Arbeit von Frau Weigelt finden Sie auf ihrer Webseite
www.lrs-therapeutin.info.
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